Johann Sengstschmid: Othmar Steinbauer zum Gedenken


 
 Im Jahre 1975 wäre Othmar Steinbauer 80 Jahre alt geworden. Aus diesem Anlaß veröffentlichte Johann Sengstschmid unter Verwendung von zwei Lebensläufen, die er im Nachlaß Steinbauers gefunden hatte, den nachstehenden Aufsatz [siehe Fußnote 1]:
 
 

OTHMAR STEINBAUER ZUM GEDENKEN

Othmar Steinbauer wurde am 6. November 1895 in Wien geboren. Nach Absolvierung der Pflichtschule besuchte er die Lehrerbildungsanstalt in Wien XVIII (Michaelerstraße 10) und beschloß diese Ausbildung mit der Ablegung der Reifeprüfung. Den Beruf des Volksschullehrers übte Steinbauer aber nie aus. Schon während seiner Schulzeit beschäftigte er sich mit Musik. Im März 1915 rückte er als Einjährig-Freiwilliger zum Militärdienst ein und wurde nach Beendigung des Ersten Weltkrieges als Oberleutnant entlassen. Nun setzte Steinbauer seine Musikstudien fort: er wurde Violinschüler bei Ottokar Sevcik sowie bei Gottfried Feist; außerdem nahm er Theorieunterricht bei Joseph Marx und zuletzt bei Arnold Schönberg.

In den Jahren 1922 und 1923 lebte Steinbauer in Berlin und war dort zunächst als Theatermusiker tätig. 1923 gründete er mit dem Schönberg-Schüler Max Deutsch die "Gesellschaft für moderne Musikaufführungen in Berlin" und veranstaltete in diesem Rahmen eine größere Anzahl sehr erfolgreicher Konzertaufführungen. Da ihre Weiterführung durch die Inflation in Deutschland unmöglich geworden war, kehrte er nach Wien zurück. Zwischen 1924 und 1928 erteilte Steinbauer hauptsächlich Musikunterricht (Violine, Musiktheorie) und beschäftigte sich daneben eingehend mit musiktheoretischen Fragen. Damals entstand das Buch "Das Wesen der Tonalität", das 1928 in der C. H. Beckschen Verlagsbuchhandlung in München im Druck erschien.

Im Februar 1928 gründete er die "Wiener Kammer-Konzert-Vereinigung", ein Kammerorchester, das unter seiner Leitung mit großem Erfolg drei Jahre hindurch in Wien und auch in Deutschland konzertierte. Durch seine Konzerttätigkeit machte er die Bekanntschaft mit Josef Matthias Hauer. Dieses Zusammentreffen war entscheidend für Steinbauers weitere künstlerische Wegrichtung [siehe Fußnote 2]. Es veranlaßte ihn, sich in den Jahren 1931 bis 1935 hauptsächlich mit Problemen der Musiktheorie sowie der Komposition zu beschäftigen. Die zu ihrem größten Teil damals entwickelte Satzlehre, welche erst gegen Ende der fünfziger Jahre die Bezeichnung "Klangreihenlehre" erhielt, beruht auf den zwölf Tönen, hat jedoch mit der "Reihentechnik" jener Musik, welche gemeinhin als "atonal" oder als "Zwölftonmusik" bezeichnet wird, nichts zu tun. Sie geht in ihren Grundlagen vielmehr auf wesentliche Erkenntnisse Josef Matthias Hauers zurück, eröffnet aber durch ihre Gestaltungsprinzipien völlig andere als die von Hauer selbst beschrittenen Wege. Steinbauers Klangreihensystem gewährleistet - wie bisher noch jede Satzlehre - sowohl die gesetzmäßige Bildung der Zusammenklänge und deren Fortschreitungen als auch die volle Freiheit für die musikalische Gestaltung. In jener Zeit konzipierte Steinbauer eine weitere Abhandlung, die "Klang- und Meloslehre"; dieses Theoriebuch wurde bis heute nicht veröffentlicht.

Bei seinen ersten Klangreihenkompositionen verwendete Steinbauer noch die Zwölfton-Notenschrift Josef Matthias Hauers. Da sich diese jedoch nach den Klaviertasten orientiert, deren Anordnung ja die Siebentönigkeit zugrunde liegt und daher als "tonartbezogen-chromatisch" anzusehen ist, erfand Steinbauer damals eine neue, echt "panchromatische" Zwölfton-Notenschrift. Prof. Dr. Karl Schnürl, dem Fachmann für Notationsfragen an der Wiener Universität, ist der Hinweis zu verdanken, daß Steinbauer - offensichtlich unabhängig, denn er hat sich stets als Erfinder jener Notenschrift bezeichnet - zum gleichen Resultat wie Hugo Riemann gelangt ist, der sein Notationssystem 1882 im "Musikalischen Wochenblatt" (Leipzig) publiziert hat.

Steinbauers Existenzmöglichkeiten in Wien wurden immer problematischer, und so übersiedelte er 1935 nach Berlin. Es gelang ihm, eine Anstellung im "Staatlichen Institut für deutsche Musikforschung" zu erhalten; er wirkte in dem diesem Institut zugehörigen Museum alter Musikinstrumente. Im Juni 1938 kehrte Steinbauer wieder nach Wien zurück und erhielt den Auftrag, die "Musikschule der Stadt Wien" (das heutige "Konservatorium der Stadt Wien") zu leiten. Im Oktober 1938 begann er nach seinen Plänen mit dem Aufbau dieses Musikinstituts, das schon nach kurzer Zeit ein beachtliches Niveau erreichte. Es hatte als Berufsausbildungsschule den Rang einer "Landesmusikschule", war fachlich analog den damaligen "Reichshochschulen für Musik" organisiert und hatte das Recht, öffentlich gültige Reifezeugnisse auszustellen. Bis zum Studienjahr 1941/42 war auch das "Seminar für Schulmusiker" und das "Seminar für Privatmusiklehrer" der Schule angegliedert. Im Jahre 1945 wurde Steinbauer als Direktor entlassen. Er beschäftigte sich nun hauptsächlich mit kompositorischen und musiktheoretischen Arbeiten sowie mit der Erteilung von Violinunterricht. Angeregt durch seine frühere Tätigkeit im Musikinstrumenten-Museum in Berlin und durch die seinerzeit in der Musikschule der Stadt Wien von ihm veranstalteten Konzerte auf alten Instrumenten, konstruierte Steinbauer neuartige Streichinstrumente, die er "Viellen" nannte und die durch ihren sanfteren Klang sowie durch ihre klangliche Ausgeglichenheit dem Charakter der alten Instrumente nahekommen und dadurch besonders für das häusliche Musizieren geeignet sind. Für sie wurde ihm ein österreichisches Patent erteilt. Im Märzheft 1951 der Zeitschrift "Musikerziehung" erschien der von ihm verfaßte Aufsatz "Die moderne Vielle - Ein neues Streichinstrument für das häusliche Musizieren".

1952 wurde Steinbauer Lehrer für Violine an der Wiener Musikakademie. Daneben leitete er an diesem Institut von 1959 bis 1961 den Sonderlehrgang "Klangreihen-Komposition". 1961 erreichte er die Altersgrenze und schied aus der Musikakademie aus. Um jedoch zu verhindern, daß sein musiktheoretisches Gedankengut nach seiner Pensionierung in Vergessenheit geriet, gründete er das "Seminar für Klangreihenkomposition in Wien" und leitete es bis zu seinem Tod. Gleichzeitig war er in seinem letzten Lebensjahr als Violinlehrer bei den Wiener Sängerknaben tätig.

Seit vielen Jahren pflegte Steinbauer die schöne Jahreszeit in Altenburg bei Wilhelmsburg, Niederösterreich, zu verbringen. Im Sommer 1962 wollte er dort die Abfassung seines "Lehrbuches der Klangreihen-Komposition - Melos und Sinfonie der zwölf Töne" vorantreiben und möglichst zum Abschluß bringen. Allerdings mutete er sich dabei zu viel zu; das ständige Pfeifen- und Zigarettenrauchen, der viele Kaffee- und Teegenuß, das Arbeiten bis tief in die Nacht hinein, das alles belastete seinen Körper zu sehr, und das Herz tat eines Tages nicht mehr mit. Nach kurzem Leiden schloß er am 5. September 1962 auf seinem geliebten "Bergl", wie er seinen Altenburger Aufenthaltsort gerne nannte, für immer die Augen, ohne sein Buch vollendet zu haben [siehe Fußnote 3]. Der Leichnam wurde nach Wien überführt und auf dem Grinzinger Friedhof [siehe Fußnote 4] beigesetzt.

Steinbauers Oeuvre umfaßt über 30 Kompositionen, von denen zu nennen wären: zwei Violinsonaten, eine Klaviersonate, eine Cembalosonate, Tricinien, Bicinien, Lieder, Chöre u.a. Hat man einmal die eher seltene Gelegenheit, eines seiner Werke zu hören, dann pflegt sich ein Eindruck einzustellen, der sich folgendermaßen charakterisieren ließe: eine sehr gehaltvolle, gut durchgeformte und gekonnte Musik, der man vor allem das nicht anmerkt, was man im landläufigen Sinn mit "Zwölftonmusik" assoziiert. Damit gerät sein Schaffen aber in eine eigenartige Schere: diejenigen, welche Zwölftonmusik generell ablehnen, hegen von vornherein ein Vorurteil gegen Steinbauer; für die Freunde der Moderne hingegen klingt sein Werk wiederum zu traditionell. Solange das Musikleben blockartig einerseits von der Tradition und andererseits von den verschiedenen dazu antithetischen Richtungen der Avantgarde bestimmt wird, fehlt für die Synthese Steinbauers der Nährboden. Er, der religiöse Mensch, der in den Werken Bo Yin Ras seine geistige Heimat gefunden hatte, predigte seinen Schülern immer wieder, daß für das Neue in der Musik nicht allein eine neue musiktheoretische Basis vonnöten wäre, vielmehr müßte ein jeder zu sich selbst finden und beginnen, von innen heraus sein Leben, seine Musik so gewissenhaft wie möglich zu gestalten.

 

Fußnote 1


Wiedergabe eines Abdrucks in der Österreichischen Musikzeitschrift, 30. Jahrgang, Heft 12,
Wien 1975.

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Fußnote 2


Skriptumblatt "Hauer - Steinbauer 1930, Widmung und Gegenwidmung".

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Fußnote 3

Inzwischen erschien Steinbauers Lehrbuch:

Helmut Neumann (Hrsg.):
Die Klangreihenkompositionslehre nach Othmar Steinbauer (1895-1962)
2 Teile, zahlreiche Notenbeispiele;
Peter Lang GmbH, Europäischer Verlag der Wissenschaften, Frankfurt/M., Berlin, Bern, Brüssel, New York, Oxford, Wien, 2001, ISBN 3-631-35490-8.

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Fußnote 4 Irrtümlich heißt es im Beitrag der Österreichischen Musikzeitschrift: Döblinger Friedhof.

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Die 3 Wiener Zwölftonschulen
Die 3 Wiener Zwölftonschulen in je einem Hörbeispiel
Fachbegriffe (alphabetisches Stichwortverzeichnis)

Josef Matthias Hauer
Eintrag "Josef Matthias Hauer" im Österreich-Lexikon
Behandlung Schönbergs und Hauers im Musik-Kolleg Online
Hauers Zwölftonspiel
Othmar Steinbauers Bewertung des Zwölftonspiels

Othmar Steinbauer
Steinbauer - ein Schönbergschüler
Zur Charakteristik von Steinbauers Schaffen
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Klangreihenmusik: Musik mit neuer "Antriebskraft"
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Klangreihenmusik (Gesamtüberblick)
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Johann Sengstschmid

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