Vorbemerkung zu Othmar Steinbauers "brauner" Vergangenheit:



Wie auch die unten wiedergegebenen Zeilen belegen, war Othmar Steinbauer ein durch und durch anständiger Mensch mit Mut und Civilcourage in faschistischer Zeit. Nur wer die Not und Hoffnungslosigkeit der Dreißigerjahre des vorigen Jahrhunderts nicht gekannt hat, vermag heute Steine auf irrende Mitläufer zu werfen, die sich opportunistisch eine Verbesserung ihrer Lage erhofft haben.

Steinbauer schenkte der Welt durch sein kompositorisches und vor allem musiktheoretisches Schaffen etwas ganz entscheidend Zukunftsweisendes. Distanziert man sich schnellfertig vom Menschen Steinbauer bloß wegen seiner Vergangenheit, tut man ihm zwar Unrecht, doch solches Tun ist heute Gepflogenheit geworden. Verwirft man jedoch wegen Steinbauers Haltung auch seine ideologisch wertfreien Erkenntnisse, dann wird das vor der Zukunft geradezu unverantwortlich, denn damit werden der Welt mögliche Weiterentwicklungen wissentlich vorenthalten.






Eberhard Würzl: Persönliche Erinnerung an Othmar Steinbauer







Eberhard Würzl erinnerte sich 1987 [
siehe Fußnote 1] der vielen in der Musikpädagogik wirkenden "Wendehälse", wie man später in anderem Zusammenhang sagte, die vor, während und nach dem zweiten Weltkrieg ihre Gesinnung der jeweils herrschenden politischen Richtung anzupassen wußten. Über seine Tätigkeit in der Kindersingschule der Stadt Wien schrieb er:
 

... Ich gehörte im ersten Bestandsjahr (vom 1. Februar bis 30. Juni 1939) dem Lehrkörper dieser Institution als "Singeleiter" an. Bei der Anstellung wurde ich glücklicherweise nicht nach meiner politischen Vergangenheit gefragt. Hatte man die entsprechende Befähigung und konnte man leidlich Blockflöte blasen, wurde man von Othmar Steinbauer angestellt. Da ich auf österreichischem Gebiet als Volksschullehrer nicht mehr "tragbar" war und nach Ostpreußen hätte gehen müssen, war ich froh, hier Unterschlupf gefunden zu haben. Obwohl es schuleigene Liederblätter gab, wurde die Auswahl der Lieder nicht ausdrücklich vorgeschrieben. Freilich mußte ich mir an Schulungsabenden von einer dem "Blut und Boden"-Ideal entsprechenden Maid zeigen lassen, wie das folgende Lied zu erarbeiten sei: [hier sind im Aufsatz Würzls "Nun laßt die Fahnen fliegen" von Hans Baumann, 4 Strophen, abgedruckt]. Es fiel mir nicht ein, ein solches Lied mit Wiener Volksschulkindern zu singen, ich wurde dazu auch nicht gezwungen... (Ende des Zitats.)
 
Als Johann Sengstschmid diese Zeilen las, bat er den Autor, er möge ihm seine Erinnerungen an Othmar Steinbauer mitteilen. Hierauf verfaßte dieser folgende Zeilen [siehe Fußnote 2]:
 


(Persönliche Erinnerung an Othmar Steinbauer)



Als österreichischer Volksschullehrer war ich 1938, nach dem "Anschluß", in meinem Vaterland nicht mehr "tragbar". Die deutschen Machthaber boten mir zwar eine Stelle in Ostpreußen an, doch war ich trotz meiner verzweifelten materiellen Lage nicht bereit, mich im Landkreis Gumbinnen zum Dienstantritt zu melden; ich wollte vielmehr mein Studium an der Schulmusik-Abteilung der ehem. Wiener Musikakademie mit der Lehramtsprüfung abschließen.

Als diese Abteilung im Herbst 1938 in das Konservatorium der Stadt Wien "verbannt" wurde (ich begann damals das 7. Semester meines Musikstudiums), suchte man "Singeleiter" für die neugegründete, dem Konservatorium unterstellte Kindersingschule der Stadt Wien. Ich stellte mich also dem Konservatoriums-Direktor Othmar Steinbauer vor. So unangenehm mich sein Parteiabzeichen berührte, so angenehm sein wienerisch-legerer Ton: "Singa können S'. Jetzt schaun S' dazua, daß S' Blockflöt'n blas'n lernen; erscht dann lass i Ihna auf d' Kinda los." Nach einigen Wochen blies ich ihm auf einer billigen Altblockflöte "Der hat vergeben das ewig' Leben" vor; er sagte nur "Guat" und gab der zuständigen Beamtin den Auftrag, mich ab Jänner 1939 "einzuteilen". Ich befürchtete nun, einen "Beichtzettel" mit den Daten meiner "vaterländischen" Vergangenheit ausfüllen zu müssen, man fragte mich aber nicht einmal, ob ich auch gewiß "arischer Abstammung" sei. So ermöglichte mir Pg. Steinbauer, im Studienort für meinen Lebensunterhalt sorgen zu können (Nettoverdienst war immerhin RM 120,-) sowie Unterrichtserfahrungen und Vordienstzeiten zu sammeln. Ich freue mich aufrichtig, daß Steinbauer in den Fünfzigerjahren bis knapp vor seinem Tod (1962) als Lehrer der Wiener Musikakademie wirken konnte, aus der er einst hervorgegangen war.

Eberhard Würzl
 
Abgerundet wird das Bild Othmar Steinbauers durch die Tatsache, daß er in einer Zeit, wo nicht nur Schönberg und sein Kreis verboten waren, sondern wo selbst Partituren des nicht-jüdischen Musikers Josef Matthias Hauer allein wegen ihrer Zwölftönigkeit in der berüchtigten Ausstellung "Entartete Kunst" gezeigt wurden und wo man Hauer den Ehrensold der Stadt Wien strich sowie mit einem Tätigkeits- und Aufführungsverbot belegte, sich selbst und der zwölftönigen Musik treu blieb: Trotz seiner Führungsposition in Wien schuf Steinbauer damals Kompositionen auf Klangreihenbasis, wie die Violinsonate Nr. 1 oder die Cembalosonate, und ließ sie öffentlich aufführen. Die erwähnte Cembalosonate (ein handschriftliches Notenexemplar vermerkt auf dem Titelblatt: Jamnitz, Dezember 1944) etwa komponierte er in Jamnitz (heute Jemnice in Südmähren [
siehe Fußnote 3]) für Victor Sokolowski, den er als Cembalolehrer angestellt hatte und der das Werk im dortigen Schloß mehrmals spielte. Darüber hinaus erzählte er diesem mit solcher Begeisterung von den Zwölftonideen seines Lehrers Josef Matthias Hauer, daß Sokolowski nach dem zweiten Weltkrieg zu Hauer ging und einer seiner wichtigsten Schüler wurde.

Fußnote 1


Ausschnitt aus dem Aufsatz von Eberhard Würzl: "Agmösaik 1947. Unfreundliche Erinnerungen und Kommentare eines Heimkehrers", erschienen im Dezemberheft 1987 der Zeitschrift "Musikerziehung", 41. Jahrgang 1987/88, Wien..

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Fußnote 2 Mitgeteilt in einem Brief von Eberhard Würzl an Johann Sengstschmid, datiert mit: Wien, 31.12.1987; der Titel "(Persönliche Erinnerung an Othmar Steinbauer)" wurde von Würzl eingeklammert.

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Fußnote 3 Ausführliches zu Steinbauers Jamnitzer Aufenthalt enthält das Buch von Herbert Henck: Hermann Heiß - Nachträge einer Biografie, Kompost-Verlag.

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