Mag. Johann Sengstschmid, Prof. i. R.
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Elemente der Renaissance- und Barockmusik
in der Klangreihenmusik



Als ich Privatschüler von Othmar Steinbauer war, um bei ihm dessen Klangreihenmusik und dessen satztechnische Grundlage, die Klangreihenlehre, zu studieren, ergab sich häufig folgende Situation: Ich suchte ihn am Nachmittag in der Wiener Musikakademie auf, und hierauf fuhren wir gemeinsam mit der Straßenbahn zu dessen Wohnung in der Eberlgasse, wo die eigentliche Unterweisung stattfand.

Bei einer dieser Straßenbahnfahrten erblickten wir einen parkenden Oldtimer. Steinbauer machte auf die äußeren Ähnlichkeiten des Automobils mit einer Pferdekutsche aufmerksam: man bemerkt die beidseitigen Laternen, die Speichenräder, die kutschbockartigen Sitze, das Schirmdach u.v.a.m., doch es fehlt die Deichsel für die Pferde; stattdessen sind Benzinmotor, Lenkrad etc. vorhanden.

Da man im neu entwickelten Automobil ein Fortbewegungsmittel wie in der Pferdekutsche erblickte, beließ man das bewährte Alte in ihrer Form und veränderte nur jene Elemente, die das noch nicht Dagewesene im Antrieb ermöglichten. Allerdings wurden neue Kräfte wirksam, und sie erforderten wieder ein Angleichen im Bereich einzelner Formteile. Mit der allmählichen Erzielung immer größerer Geschwindigkeiten mußte vieles Alte an der Form aufgegeben und Neues entwickelt werden, sodaß ein heutiges Auto rein äußerlich nur noch weniges mit einer Pferdekutsche gemeinsam hat.

Wäre der Benzinmotor nicht erfunden worden, hätte die Formgestaltung einer heutigen Limousine niemals stattgefunden; oder wäre eine Pferdekutsche mit dem Erscheinungsbild einer heutigen Limousine, jedoch ohne Motor und versehen mit Deichsel und anderen Vorspanneinrichtungen für die Pferde vorstellbar und hätte so etwas von einem modernen Künstler, einem "Kutschendesigner", erdacht werden können? Wohl kaum, denn der Motor, also das Neue in der Antriebskraft, war die Voraussetzung für das natürliche Entstehen der neuen äußeren Form.

Für die Musikentwicklung, welche einerseits eine Ausweitung des siebentönigen Tonmaterials zur Zwölftönigkeit und andererseits die Erschließung neuer Harmonien mit sich gebracht hat, gilt etwas ganz Ähnliches: Es geht - so Steinbauer - nicht darum, nach etwas völlig Neuem, also nach einer Art Limousine mit Deichsel, zu streben, sprich: noch nie dagewesene, Aufsehen erregende Musikgestaltungen bei alter tonaler Denkungsweise zu schaffen. Vielmehr gilt es, einen neuen "Motor", also eine neue Sicht der tönenden Ordnung und deren musiktheoretische und satztechnische Grundlage einzusetzen. Diese Ordnung muß freilich einer naturgegebenen organischen Gesetzmäßigkeit entsprechen und nicht einem willkürlich erdachten, jederzeit abänderbaren organisierten Spielregelkonzept.

In seiner Denkschrift vom 8. Mai 1935 stellte Steinbauer fest, daß eine Aussage über eine echte
Musiktheorie bzw. Satzlehre, sei sie eine alte oder neue, erst dann gemacht werden könne, wenn diese (Zitat:) eingehend daraufhin betrachtet und geprüft wurde, ob in ihr folgende Bedingungen erfüllt erscheinen:


a.


Die grundlegenden Voraussetzungen einer neuen Musiktheorie müssen der naturgegebenen Gesetzmäßigkeit der Töne entsprechen. Im gegenteiligen Fall hätte eine Theorie nur zersetzenden Charakter.


b.


Die Erkenntnis und systematische Erfassung dieser Gesetzmäßgkeit muß eine neuartige sein, denn nur dadurch bestehen für die musikalische Gestaltung neue Möglichkeiten.


c.


Daher müssen auch ihre Prinzipien andere sein als die einer älteren Theorie.


d.


Der Aufbau einer solchen Theorie muß klar, logisch und lückenlos sein.


e.


Es muß mit ihr eine genaue und konkrete neue Satzlehre geboten werden.


f.


Es müssen in ihr klare Regeln und Gesetze aufscheinen.


g.


Ihre Satzlehre muß sich als eine praktische Handwerkslehre erweisen.


h.


Sie muß durchaus lehrbar sein.


i.


Sie darf die älteren bewährten Theorien nicht negieren, sondern muß mit diesen einen inneren Zusammenhang erkennen lassen.

 


(Diesen Bedingungen sei als weiterer Punkt hinzuzufügen, was Steinbauer anläßlich der Abfassung eines Prospekts 1961 sinngemäß formuliert hat:)
 


j.


Sie hat die volle Freiheit für die musikalische Gestaltung zu gewährleisten.


Steinbauers Klangreihenlehre hält einer solchen Prüfung stand und besitzt somit als zwölftönige Satzlehre den Rang des (siebentönigen) Kontrapunkts sowie der Harmonielehre. Damit wird aber eine von Schönbergs oder Hauers Zwölftonmusik völlig verschiedene, anders konzipierte Art zwölftöniger Musik ermöglicht: eben die Klangreihenmusik, deren Musiksprache an die traditionelle Musik logisch anschließt.

Im siebentönigen Bereich verrät vor allem die Musiksprache der Renaissance und des Barock eine besondere Nähe zum satztechnischen Regelsystem, während vor allem ab der Romantik eine immer freizügigere Handhabung der traditionellen Normen festzustellen ist, was ja schließlich zu einer Ausweitung und Verkomplizierung der Akkordwelt, zum praktischen Gebrauch aller zwölf Töne u.a.m. führte.

Mit der Klangreihenlehre wurde auf zwölftönigem Boden eine satztechnische Einfachheit erzielt, welche eine Situation ermöglicht, die auf siebentönigem Boden mit jener des 16., 17. und 18. Jahrhunderts zu vergleichen ist.

Im Sinne des obigen Automobilvergleichs war es naheliegend, daß zahlreiche Werke der Klangreihenmusik auf Gestaltungsprinzipien vor allem der Renaissance- und Barockmusik zurückgriffen, jedoch auf neuer harmonischer Basis. Es ist kein Zufall, daß wieder Werktitel wie Bicinien, Tricinien, Suiten oder barocke Formen wie Kanon, Fuge (Wechselfuge), Passacaglia, "Sonata da chiesa" u.a.m. in zwölftönigem Gewand auftauchten.

Das Musikbedürfnis zahlreicher Musikfreunde zielt auf Schlichtheit ohne romantischen Ballast hin.
Meist kennen sie die Klangreihenmusik nicht, und so wenden sie sich ersatzweise der vermehrten Pflege der "alten Musik" zu, nicht ahnend, daß bereits etwas in heutiger Tonsprache mit den geliebten Stilmerkmalen existiert.

Im Internet finden sich solche Werke und können zum Teil abgehört werden, etwa:

 

Othmar Steinbauer: Chor "Halt an, wo läufst du hin" (Angelus Silesius), Werk 8,
Othmar Steinbauer: Präludium und Wechselfuge für Orgel Werk 14,
Othmar Steinbauer: Sonate für Violine und Klavier Nr. 1, Werk 15
,
Othmar Steinbauer: Sonate für Clavicembalo oder Orgelpositiv, Werk 16,
Othmar Steinbauer: Sechs Bicinien für Blockflöten Werk 18,

Othmar Steinbauer: Tricinium "Die Ros' ist ohn' Warum" (Angelus Silesius), Werk 19,
Othmar Steinbauer: Sechs Tricinien für das Orgelpositiv, Werk 30,
Johann Sengstschmid: Rosette für drei Blockflöten, op. 12b
,

Johann Sengstschmid: Ave regina caelorum (für Sopran, Alt und Orgel), op. 19a,
Johann Sengstschmid: Meditation für Violine und Klavier (Orgel), op. 19b,

Johann Sengstschmid: Missa "Adoramus te", op. 21,

Johann Sengstschmid: Duo liturgico, op. 45.


Johann Sengstschmid






Weiterführende Informationen in Wort und Ton siehe:

Gegenüberstellung der 3 Wiener Zwölftonschulen
Zwölftonmusik

Klangreihenmusik
Zur Einführung in die Klangreihenmusik
Eigenschaften der Klangreihenmusik

Klangreihenmusik: Musik mit neuer "Antriebskraft"

Klangreihenmusik (Gesamtüberblick)
Allgemeines zur Klangreihen-Kompositionstechnik


Othmar Steinbauer

Johann Sengstschmid


Wiedergabe von Noten (Verzeichnis)
aus dem Theorie-Skriptum: Notenbeispiele, Analyse, Tabellen u.a. (Verzeichnis)

Skriptumblätter zum Chor "Halt an, wo läufst du hin", Werk 8, von Othmar Steinbauer
Skriptumblätter zum Tricinium "Die Ros' ist ohn' Warum", Werk 19, von Othmar Steinbauer

Skriptumblätter zum "Ave regina caelorum", op. 19, von Johann Sengstschmid
Begleitwort zur MISSA "ADORAMUS TE", op. 21, von Johann Sengstschmid

Analyse: aus der MISSA "ADORAMUS TE", op. 21, von Johann Sengstschmid
Begleitwort zur "Meditation für Orgel", op. 43a, von Johann Sengstschmid
Formbeschreibung der "Meditation für Orgel", op. 43a, von Johann Sengstschmid

Satzanalyse der "Meditation für Orgel", op. 43a, von Johann Sengstschmid

Begleitwort zum "Duo liturgico", op. 45, von Johann Sengstschmid

Fachbegriffe (Stichwortverzeichnis)

Links


Hinweis: Um Musik hören zu können, vermag man ein entsprechendes Programm kostenlos aus dem Internet herunterzuladen und zu installieren (zum Beispiel www.winamp.com oder www.real.com).