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Am 5. September 1962 schloß
in Altenburg bei Rotheau im Traisental eine markante Musikerpersönlichkeit,
die dort jahrzehntelang den Sommer verbracht hatte, für immer die Augen.
Othmar
Steinbauer, Komponist und Musiktheoretiker, Verfasser des Buches "Das
Wesen der Tonalität", Gründer des Konservatoriums der Stadt Wien
und erster Direktor
dieser Lehranstalt, Erfinder der Viellen - das sind Streichinstrumente mit
ausgezeichneter klanglicher Qualität und verhältnismäßig
geringen Herstellungskosten - , Violinprofessor und Leiter des Sonderlehrganges
für Klangreihenkomposition an der Wiener Musikakademie, Gründer und
Leiter des Seminars für Klangreihenkomposition in Wien - um nur einiges aus
seinem Leben zu nennen - dieser Künstler ist für immer von uns gegangen.
Abseits jedes öffentlichen Geschehens diente er als Komponist einer
Musik, die unser Jahrhundert so dringend nötig hätte. Von seinen Werken
kann gesagt werden, daß sie trotz ihrer Neuartigkeit schön klingen,
daß ihre Melodieführung sangbar, schlicht und einfach ist, daß
diese Musik vor allem innere Ruhe und Reinheit ausstrahlt, also nicht hysterisch
oder "modern" (in der negativen Bedeutung des Wortes) ist, daß
sie beschaulichen Charakter aufweist - wie etwa bei einer besinnlichen Abendmusik
- , daß sie eine gesunde Atmosphäre widerspiegelt, mit einem Wort,
daß die Kompositionen Othmar Steinbauers wahrhaft den Anforderungen höchster
Kunst entsprechen. In ihnen kann sich jeder Musikfreund mühelos
zurechtfinden, ohne daß er Musiktheorie studiert haben muß, denn sie
sind einfach und schön. Schließlich wollen die ohnedies abgehetzten
Menschen durch Musik nicht noch mehr aufgepeitscht werden, sondern Ruhe und innere
Entspannung finden, und das bot ihnen bisher vorwiegend die traditionelle Musik;
aber auch die Kompositionen Othmar Steinbauers vermögen gerade jene Seite
des Menschen anzusprechen, die dieser im Grunde genommen sucht, aber in der übrigen
modernen Musik nur selten finden kann. Als Grundlage diente ihm seine
Klangreihentheorie,
die mit Recht von sich behaupten kann, daß sie kein extravagantes Konstruktionsschema
verkörpert, sondern wie jede wahre und für die Komposition brauchbare
Satzlehre organisch gewachsen ist - also Hand in Hand mit der praktischen Komposition
- und daß sie der naturgegebenen Gesetzmäßigkeit der Tonwelt
entspricht; wäre dies nicht der Fall, so hätte sie ja zersetzende Wirkung.
Ihr Aufbau ist klar, logisch und lückenlos; in ihr scheinen Regeln über
das auf, was richtig und was falsch ist, wobei sowohl das Richtige als auch das
Falsche als solches tatsächlich empfunden werden kann. Diese neuartige,
von Othmar Steinbauer entwickelte Satzlehre ist lehrbar und beeinträchtigt
in keiner Weise die musikalische Entfaltung einer Persönlichkeit, da die
volle Freiheit für die kompositorische Gestaltung gewährleistet ist.
Bei dieser Lehre handelt es sich somit nicht um einen neuen Stil oder um
eine neue Richtung; sie ist eine neuartige Kompositionslehre, die ebenso wie Kontrapunkt
oder Harmonielehre die verschiedensten Stile und Richtungen, aber auch eine wertvolle
und eine weniger gehaltvolle Musik zuläßt. Das
Klangreihensystem ist allerdings kein Siebentonsystem, sondern es beruht auf der
Gegebenheit
der zwölf Töne, hat jedoch mit der "Reihentechnik"
jener Musik, welche man allgemein als "atonal" oder als "Zwölftonmusik"
bezeichnet, nichts zu tun. Es geht vielmehr von einigen grundlegenden Erkenntnissen
des Musikers Josef
Matthias Hauer aus, eröffnet aber durch seine Gestaltungsprinzipien,
die von denen abweichen, die dieser im allgemeinen und bei seinem "Zwölftonspiel"
im besonderen anerkannt hat, gänzlich andere Wege. Wie bereits erwähnt,
gewährleistet dieses neue System ebenfalls die gesetzmäßige Bildung
der Zusammenklänge und deren Aufeinanderfolge, denn in ihm herrscht das Gesetz
der diatonischen Fortschreitung [siehe Fußnote 2], wenn auch
mit andersgearteten Auswirkungen als den bisher gewohnten. Die Klangreihenlehre
negiert somit in keiner Weise die älteren bewährten Kompositionslehren,
sondern läßt mit diesen einen deutlich erkennbaren inneren Zusammenhang
erkennen. Es ist ja hinlänglich bekannt, daß kein Tonsystem
in der Lage ist, sämtliche Möglichkeiten der Harmoniebildung und der
Klangfortschreitung, die es auf Grund der Gesetzmäßigkeit der Tonwelt
schlechthin geben kann, in einfacher und systematischer Weise zu erfassen. Naturgemäß
werden bei jedem neuen System gewisse Prinzipien durch andere ersetzt.
So wurden auch in den letzten hundert Jahren - natürlich vom bekannten Siebentonsystem
der Harmonielehre ausgehend - immer häufiger alle zwölf Töne verwendet.
Allerdings ist es gegen die Natur jedes siebentönigen Systems, wenn es zusätzlich
auch alle jene neuen Möglichkeiten der Harmoniebildung und der Klangfortschreitung,
die bei Verwendung der zwölf Töne in Erscheinung treten, erschöpfend
in einfacher Weise systematisch erfassen will. Auf diese Weise konnte
die heute weitverbreitete Anschauung entstehen, daß das Studium einer Musiktheorie
mehr historischen Wert besäße, was vor allem durch die Tatsache untermauert
erscheint, daß die traditionellen Musiktheorien eine bereits zu knapp gewordene
Grundlage für die zeitgenössische Kompositionstätigkeit abgeben.
Die Entwicklung des Klangreihensystems bringt es mit sich, daß jene
früher allgemein herrschende Ansicht wieder zu Ehren kommt, die besagt, daß
man zum Komponieren eine Musiktheorie braucht. Schließlich lehrt
auch die Musikgeschichte, daß fast alle großen Komponisten die zu
ihrer Zeit herrschende Musiktheorie studierten; allerdings ergaben sich bei ihrer
kompositorischen Tätigkeit auch neue Probleme, und durch deren Lösung
wurden neue theoretische Erkenntnisse gewonnen. So vollzog sich die Entwicklung
der Musik im Wechselspiel zwischen Theorie und Praxis. Eine der Besonderheiten
der Lehre Othmar Steinbauers liegt darin, daß diese eine kaum übersehbare
Fülle satztechnischer Möglichkeiten im polyphonen sowie im homophonen
Sinne bietet. Vielleicht ist für die praktische Kompositionsarbeit
jene Tatsache am bedeutsamsten, daß das Klangreihensystem neue Wege für
die musikalische Gestaltung eröffnet, wodurch sich auch neue Formprinzipien
in der Musik ergeben. Es ist beglückend, feststellen zu können,
daß es dank des theoretischen Lebenswerkes Othmar Steinbauers nicht mehr
notwendig erscheint, daß ein Komponist krampfhaft einen originellen Weg
suchen muß, denn durch die Anwendung des Klangreihensystems wird die Musik
von selbst anders, und doch kann dabei so komponiert werden, wie es der jeweiligen
Persönlichkeit von Natur aus zukommt. Aus all dem geht hervor, daß
es nicht Sinn und Zweck der Kompositionen und der theoretischen Arbeiten Othmar
Steinbauers ist, eine Revolution in der Musik auszulösen; sie wollen lediglich
zeigen, auf welche Weise eine Fortentwicklung in der Musik auf einfacher und gesetzmäßiger
Grundlage möglich ist. Sie wenden sich daher an alle jene, die den
Glauben an einen neuen Weg und damit Hand in Hand an eine künftige Weiterentwicklung
in der Musik noch nicht verloren haben. Leider ist aber gerade dieser Glaube nur
noch selten anzutreffen, und so wird es auch begreiflich, daß Othmar Steinbauer
nur so wenig äußeren Erfolg erringen konnte. Möge der
Wert seines so bedeutsamen Lebenswerkes doch bald erkannt und lebendig werden,
damit der heutige Kulturpessimismus zumindest auf dem Gebiete der Musik zu einem
verdienten Ende geführt werde!
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