Othmar Steinbauer:
Josef Matthias Hauers Zwölftonspiel



 
  Othmar Steinbauer arbeitete bis zu seinem Lebensende an seinem unvollendet gebliebenen "Lehrbuch der Klangreihen-Komposition. Melos und Sinfonie der zwölf Töne". Der zweite Teil des dreiteilig angelegten Buches beschäftigt sich mit theoretischen Erkenntnissen Josef Matthias Hauers und wird durch folgendes Kapitel eingeleitet [siehe Fußnote 1]:
 
 

JOSEF MATTHIAS HAUERS ZWÖLFTONSPIEL
 

Die in diesem Buche gegebene musikalische Satzlehre beruht vor allem auf der klanglichen Gesetzmäßigkeit der zwölf Töne, die in grundlegender Art erstmals von Josef Matthias Hauer in besonderer Weise erkannt und systematisch erfaßt worden ist. Es handelt sich hiebei um grundsätzliche Erkenntnisse Hauers, die für das musikalische Gestalten durchaus neue Wege eröffnen.

Der Weg, den Josef Matthias Hauer für sich selbst zu gehen wählte, führte über verschiedene Satztechniken schließlich zu seinem "Zwölftonspiel", dessen Name allein schon darauf hinweist, daß es sich hiebei nicht um eine Komposition im herkömmlichen Sinne handelt. So steht auf einem im Selbstverlag [siehe Fußnote 2] erschienenen Zwölftonspiel für Klavier (Weihnachten 1946) von J. M. Hauer folgende Erläuterung:

 
"Zwölftonmusik ist keine Kunst im klassischen, romantischen, modernen Sinne, sondern ein kosmisches Spiel mit den zwölf temperierten Halbtönen."

Und in einem Beiblatt zu seinen im Fortissimo-Verlag, Wien, erschienenen Zwölftonspielen schreibt er unter anderem:
 


"Gott hat von Ewigkeit her die absolute Musik ein für allemal komponiert, vollkommen vollendet..."

"Das Zwölftonspiel regelt die psychophysischen Voraussetzungen der reinen Intuition, die es allein ermöglicht, die ewige unveränderliche absolute Musik als Offenbarung der Weltordnung zu vernehmen."

"Die unveränderliche absolute Musik ist die Bindung mit der Ewigkeit, die Religion, die geistige Realität, die göttliche Vatersprache..."


Diese "unveränderliche absolute", von "Ewigkeit her komponierte" Musik kann nach der Anschauung Hauers vom Menschen nicht mehr komponiert, sondern nur studiert und rein intuitiv erfaßt werden.

In seinen Zwölftonspielen sucht nun Hauer diese unveränderliche absolute Musik in möglichst objektiver Weise zu realisieren, und er lehnt daher jeden Versuch einer individuellen musikalischen Gestaltung im Reiche der zwölf Töne striktest ab. Damit lehnt er freilich alles ab, was man bisher unter Kunst und künstlerischem Gestalten zu verstehen gewohnt war.

Hauers Zwölftonspiel beruht im Prinzip auf der Gesetzmäßigkeit einer "in Harmonie gebrachten" Zwölfton-Reihe, die nach einer jeweils gestellten, die melische Bewegung bestimmenden Regel meist in vier Stimmen kanonartig auseinandergefaltet erscheint. Maßgebend hiefür ist immer die in der Tat absolute Gesetzmäßigkeit der zugrunde liegenden Reihen-Harmonik. Auf Grund dieser gegebenen Gesetzmäßigkeit ist es nun möglich, immer neue und entfaltungsreichere "Regeln" auszudenken, um dann oftmals selbst über das Resultat erstaunt zu sein. Die ganze Art eines solchen "Spiels der zwölf Töne" erinnert an das Prinzip des Kaleidoskops: jede neue Spielregel bringt eine andere neue "Zwölfton-Ornamentik" hervor. Es ist so, als würde diese Gesetzmäßigkeit der zwölf Töne, einem bestimmten Impuls folgend, sich selbst ausspielen. In dieser sich selbst ausspielenden Gesetzmäßigkeit erkennt Hauer die "unveränderliche absolute" Musik als eine "geistige Realität", die "vollkommen vollendete" Musik, die sich gewissermaßen selbst komponiert, und die nur intuitiv erfaßbar ist.

Josef Matthias Hauer erkennt hier zutiefst die Gesetzmäßigkeit der Tonwelt, und er ist von ihr im höchsten Maße fasziniert. Er rührt nicht an dieser Gesetzmäßigkeit etwa durch ihre bewußte Anwendung, sondern er initiiert ihr nur bestimmte Entfaltungs-Impulse und gelangt auf diese Weise zu seinem "Zwölftonspiel", das solcherart ein musikalisches Tongefüge von strengster Gesetzmäßigkeit darstellt. Aber diese Gesetzmäßigkeit ist doch nur eine unserer irdischen Erscheinungswelt entsprechende materielle Gesetzmäßigkeit. Sie ist zwar, wie alle Gesetzmäßigkeit in der Natur dieser Erscheinungswelt, eine Widerspiegelung geistiger Gesetzmäßigkeit, aber keineswegs dieser selbst etwa gleichzusetzen.

Es gibt in dieser Welt nichts, auch keine Musik, und daher auch kein noch so sehr der Gesetzmäßigkeit der Tonwelt allein anheimgestelltes "Spiel der zwölf Töne", das als sinnlich wahrnehmbare Erscheinung eine "geistige Realität", eine geistige Wirklichkeit sein könnte, denn alle "Wirklichkeit" in dieser irdischen Erscheinungswelt ist materieller Natur.

Das schließt nun aber nicht aus, daß dennoch Geistiges im Irdischen zum Ausdruck gelangen kann. Alle wahrhaft echte Kunst, die freilich immer nur aus dem innersten quellenden Grunde der Seele eines Menschen entsteht, beruht einzig und allein darin, daß in ihr Ewiges ins Zeitliche geholt erscheint, daß also Geistiges sich im Irdischen "verkörpert".

Aber Geistiges ist auch in solcher Verkörperung nur Geistigem vernehmbar. Daher ist auch das, was an der Musik Kunst ist, dem Verstande nicht zugänglich; denn Geist ist nicht identisch mit Verstand, sondern vielmehr dessen Ursache; und so wenig eine Wirkung ihrer selbst Ursache ist, so wenig ist auch der Verstand Geist.

Die naturgegebene materielle Gesetzmäßigkeit der Tonwelt hingegen ist dem Verstande durchaus faßbar, und es ist gewiß nicht zu leugnen, daß allein schon das jeweils in einem bestimmten Kreis gebannte Spiel der bloßen materiellen Gesetzmäßigkeit mancherlei Interesse und Freude, ja Bewunderung und Faszination hervorzurufen vermag. Es ist aber nicht Aufgabe der Musik als Kunst, die materielle Gesetzmäßigkeit der Töne an sich auszuspielen, sondern sich ihrer als Mittel für die Darstellung von "Ewigem" zu bedienen. Und wenn hiezu auch jene materielle Gesetzmäßigkeit unumgänglich notwendig ist, weil es sonst in dieser Welt die Musik gar nicht geben könnte, so ist sie aus sich selbst doch noch nicht die Musik.

Wenn nun auch in diesem Punkte Josef Matthias Hauer von all dem unbeirrt eine wesentlich andere Anschauung vertritt, weil die grandiose Ordnung und Wirkungsweise der von ihm aus einem völlig neuen Aspekt her geschauten kosmischen Gesetzmäßigkeit der Töne in ihm helle Begeisterung und Bewunderung wachrief, so daß er glaubte, jede freie individuelle Gestaltung in dieser Welt der Töne als etwas schlechthin Unerlaubtes ablehnen zu müssen, so ändert dies dennoch nicht das mindeste an seinem großen Verdienst, das er sich durch seine echten Erkenntnisse und deren grundsätzliche systematische Erfassung für das weitere Wachstum der musikalischen Kunst erworben hat.

Das Spielfeld, das Hauer durch seine Erkenntnisse für die musikalische Gestaltung erschlossen hat, ist in seinen Möglichkeiten, die es bietet, geradezu unermeßlich, wenn er selbst auch nur einen geringen Teil dieser Möglichkeiten ausgenützt hat, weil ihm ja jeder Versuch einer freien musikalischen Gestaltung schlechthin abwegig erschien.

Für das von einem ganz anderen Gesichtspunkt aus gestaltete Zwölftonspiel bedurfte es deshalb auch keiner umfassenderen, weitere Möglichkeiten aufschließenden theoretischen und satztechnischen Erwägungen und Erkenntnisse, so wie dies wohl für eine freie musikalische Gestaltung unbedingt notwendig ist.

Es soll daher in diesem Buche eine umfassende praktische musikalische Satzlehre dargeboten werden, die zwar auf grundlegenden Erkenntnissen Josef Matthias Hauers beruht, die aber darüber hinausgehend in ihrer Art eine neue theoretische und satztechnische Grundlage für ein bewußtes freies musikalisches Gestalten in dem Bereich der Gesetzmäßigkeit der zwölf Töne darstellt.

 

Fußnote 1


Wiedergabe eines Abdrucks in der Österreichischen Musikzeitschrift,
18. Jahrgang, Heft 3, Wien 1963.

Inzwischen erschien Steinbauers Lehrbuch:

Helmut Neumann (Hrsg.):
Die Klangreihenkompositionslehre nach Othmar Steinbauer (1895-1962)
2 Teile, zahlreiche Notenbeispiele;
Peter Lang GmbH, Europäischer Verlag der Wissenschaften, Frankfurt/M., Berlin, Bern, Brüssel, New York, Oxford, Wien, 2001, ISBN 3-631-35490-8.

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Fußnote 2 später: Fortissimo-Verlag, Wien 1965. Allerdings dürfte sich Steinbauer geirrt haben, denn jener Satz findet sich im ganz ähnlichen Zwölftonspiel für Klavier (Neujahr 1947), ebenfalls erschienen im Fortissimo-Verlag, Wien 1962.

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Die 3 Wiener Zwölftonschulen
Stichwort "Zwölftontechnik" im Österreich-Lexikon

Fachbegriffe (alphabetisches Stichwortverzeichnis)

Josef Matthias Hauer
Eintrag "Josef Matthias Hauer" im Österreich-Lexikon
Behandlung Hauers im Musik-Kolleg Online
Hauers Trope
Hauers Zwölftonspiel
Hörbeispiel eines Zwölftonspiels

Zwölftonspiel - kreatives Spielen - Klangreihenkomposition

Anleitung: Rekonstruktion des Zwölftonspiels vom 11. Juni 1955
Eine Schulklasse komponierte in Teamarbeit eine Passacaglia für Klavier (mit Notenwiedergabe)
Hörgelegenheit dieser Passacaglia (Schüler-Teamarbeit)

"Hurra, wir haben komponiert!" (Bericht einer Dreizehnjährigen)
Schulklassen schaffen Zwölftonmusik nach J. M. Hauer


Othmar Steinbauer

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