"Unechte", "lose" und "übertragene" Reminiszenztöne




Wie bei der Behandlung der ("echten") Reminiszenztöne festgestellt worden ist, lassen sich diese als akkordfremde Töne heranziehen, jedoch im Regelfall nicht alleinstehend, sondern nur vor oder nach dem dazugehörigen Akkordton sowie samt ihrer Sekundbindung.

Anhand des "Vortragsstückes für Violine solo", op. 3, von Johann Sengstschmid, und zwar an dessen 17. Klangreihenakkord, wurde die Herkunft der Reminiszenztöne erklärt: e als Reminiszenzton zu f, g als Reminiszenzton zu a, b als Reminiszenzton zu h und c als Reminiszenzton zu d.

Nun ist es aber auch möglich, daß ein Akkordton eine "illegitime" Sekundbindung zu einem Reminiszenzton entdeckt, der nicht zu ihm, sondern zu einem anderen Akkord gehört. In so einem Fall spricht man von einem "unechten Reminiszenzton".

Greift man aus der nachstehenden Klangreihe (aus dem
"Vortragsstück für Violine solo", op. 3, von Johann Sengstschmid)




Reihe 1:

gis

h

f

g

es

a

fis

cis

b

c

e

d

(h)

                             
h + c+cis+d:   h h h h h h cis des c c d (d)  
g+gis+a + b: gis gis as g g a a a b b b b (h)  
f + fis:     f f f f fis fis ges ges fis fis (fis)  
es + e:         es es dis dis es es e e (e)  
                             
Klangreihenakkord Nr.: 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 (13)  
 

Reihe 2:

h

gis

g

f

a

dis

cis

fis

c

b

d

e

(gis)

                             
dis + e: d d d d d dis dis dis es es dis e (e)  
h + c+cis+d: h h h h h h cis cis c c d d (d)  
g+gis+a + b: fis gis g g a a a a a b ais sia (ais)  
f + fis: e e e f f f eis fis ges ges fis fis (gis)  
                             
Klangreihenakkord Nr.: 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 (25)  
 

etwa den 17. Klangreihenakkord heraus, welcher aus den Akkordtönen f, a, h und d besteht, dann läßt sich feststellen:




Der Akkordton f wurde beim Übergang vom 15. zum 16. Klangreihenakkord aus dem e stufenweise erreicht. Daran "erinnert" man sich noch beim 17. Klangreihenakkord, folglich ist e der "echte Reminiszenzton" zu f. Da aber zufällig eine Sekundbindung zum Akkordton d besteht, könnte e auch als "unechter Reminiszenzton" zu d herangezogen werden.
 
Der Akkordton a wurde soeben beim Übergang vom 16. zum 17. Klangreihenakkord aus dem g stufenweise erreicht. Somit ist g der "echte Reminiszenzton" zu a. Da aber zufällig eine Sekundbindung zum Akkordton f besteht, könnte g auch als "unechter Reminiszenzton" zu f herangezogen werden.
 
Der Akkordton h wurde beim Übergang vom 12. zum 13. Klangreihenakkord aus dem b stufenweise erreicht. Somit ist b der "echte Reminiszenzton" zu h. Da aber zufällig eine Sekundbindung zum Akkordton a besteht, könnte b auch als "unechter Reminiszenzton" zu a herangezogen werden.
 
Der Akkordton d wurde beim Übergang vom 11. zum 12. Klangreihenakkord aus dem c stufenweise erreicht. Somit ist c der "echte Reminiszenzton" zu d. Da aber zufällig eine Sekundbindung zum Akkordton h besteht, könnte c auch als "unechter Reminiszenzton" zu d herangezogen werden.



Wie "unechte Reminiszentöne" im praktischen Satz auftreten, läßt sich etwa
am Analysebeispiel zu Sengstschmids MISSA "ADORAMUS TE", op. 21, einer nach der Technik mit Parallelen Klangreihen erstellten Komposition, nachvollziehen.

Ein "loser Reminiszenzton" liegt vor, wenn die direkte Sekundbindung, die zwischen dem Akkordton und seinem Reminiszenzton besteht, durch einen eingeschobenen Ton durchbrochen wird:

Beispielsweise findet sich im 2. Satz der 1. Violinsonate von Othmar Steinbauer in Takt 21, 2. und 3. Taktviertel, folgende Situation: Im Klavierpart, rechte Hand, lautet die Tonfolge h-d-cis-d-h, wobei h und d Akkordtöne des Klangreihenakkordes gis-ais-h-d sind, während das cis Reminiszenzton von h ist. Würde die Tonfolge h-d-cis-h heißen, läge ein klassischer Fall der Reminszenztongegebenheit vor, denn die Sekundbindung cis-h ließe sich eindeutig nachweisen. Nun wird aber der Sekundgang d-cis-h modifiziert, indem zwischen cis-h nochmals das "d" tritt. Dadurch wird die Sekundbindung zwar gestört, bleibt aber dennoch hörbar bestehen. Der Reminszenzton cis verliert also rein formal, nicht aber sinngemäß, seine direkte Sekundbindung und wird so zu einem losgelösten, also "losen" Reminiszenzton.

Bei notengetreuen Übertragungen von musikalischen Abschnitten, wie sie etwa für Kanons, für ausgeschriebene Wiederholungen o.dgl. charakteristisch sind, kann es vorkommen, daß dabei einzelne Reminiszenztöne ihre Herkunftserklärung einbüßen und zu "übertragenen Reminiszenztönen" werden. Ein Beispiel dafür findet sich ebenfalls im 2. Satz der 1. Violinsonate von Othmar Steinbauer, und zwar in den Takten 23 und 25.





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Weiterführende Informationen in Wort und Ton: siehe Links

siehe auch:

Klangreihenmusik (Gesamtüberblick)
Beispiele zur Vielfalt des kompositorischen Einfalls
Werkeinführung zu Sengstschmids "Vortragsstück für Violine solo", op. 3

Werkeinführung zu Sengstschmids MISSA "ADORAMUS TE", op. 21


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