Die Reminiszenztöne



Othmar Steinbauer übernahm zunächst von Hauer dessen Satztechnik mit Klangreihen, doch beim Komponieren gingen ihm die dort nicht vorhandenen akkordfremden Töne wie Vorhalts-, Durchgangstöne etc. ab, wie er sie aus der traditionellen Musik gewohnt war. Dieser liegen zwar Akkorde wie Dreiklänge, Septakkorde etc. zugrunde, doch werden diese häufig durch Töne bereichert, die nicht im jeweiligen Akkord rückverbunden sind, wie etwa eine Beispielsammlung zeigt.

Steinbauer schwebte etwas Ähnliches vor, und so suchte er nach einem Prinzip, wie sich solche aus der Klangreihenstruktur ableiten lassen. Sein Lösungsvorschlag waren die sogenannten "Reminiszenztöne".

Greift man aus der nachstehenden Klangreihe (aus dem
"Vortragsstück für Violine solo", op. 3, von Johann Sengstschmid)




Reihe 1:

gis

h

f

g

es

a

fis

cis

b

c

e

d

(h)

                             
h + c+cis+d:   h h h h h h cis des c c d (d)  
g+gis+a + b: gis gis as g g a a a b b b b (h)  
f + fis:     f f f f fis fis ges ges fis fis (fis)  
es + e:         es es dis dis es es e e (e)  
                             
Klangreihenakkord Nr.: 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 (13)  
 

Reihe 2:

h

gis

g

f

a

dis

cis

fis

c

b

d

e

(gis)

                             
dis + e: d d d d d dis dis dis es es dis e (e)  
h + c+cis+d: h h h h h h cis cis c c d d (d)  
g+gis+a + b: fis gis g g a a a a a b ais sia (ais)  
f + fis: e e e f f f eis fis ges ges fis fis (gis)  
                             
Klangreihenakkord Nr.: 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 (25)  
 

etwa den 17. Klangreihenakkord heraus, welcher aus den Akkordtönen f, a, h und d besteht, dann läßt sich feststellen:
 

Der Akkordton d wurde beim Übergang vom 11. zum 12. Klangreihenakkord aus dem c stufenweise erreicht. Somit ist c der Reminiszenzton zu d. (Dieser Reminiszenzton c wurde seinerseits beim Übergang vom 9. zum 10. Klangreihenakkord aus dem des stufenweise erreicht, weshalb des als Reminiszenzton des Reminiszenztones c anzusehen ist.)
 
Der Akkordton h wurde beim Übergang vom 12. zum 13. Klangreihenakkord aus dem b stufenweise erreicht. Somit ist b der Reminiszenzton zu h.
 
Der Akkordton a wurde soeben beim Übergang vom 16. zum 17. Klangreihenakkord aus dem g stufenweise erreicht. Somit ist g der Reminiszenzton zu a.



Der Akkordton f wurde beim Übergang vom 15. zum 16. Klangreihenakkord aus dem e stufenweise erreicht. Daran "erinnert" man sich noch beim 17. Klangreihenakkord, folglich ist e der Reminiszenzton zu f.



Ein Reminiszenzton läßt sich als akkordfremder Ton (Vorhalt, Durchgang o.dgl.) heranziehen, jedoch im Regelfall nicht alleinstehend, sondern nur vor oder nach dem dazugehörigen Akkordton sowie samt seiner Sekundbindung, wobei der Sekundschritt auch in seiner rückläufigen Form auftreten kann, etwa so (f = Akkordton, e = dessen Reminiszenzton): e-f, f-e, f-e-f, e-f-e, nicht aber: h-e-a (denn h und a sind zwar Akkordtöne des 17. Klangreihenakkords, aber e ist nicht deren Reminiszenzton, würde also ohne Sekundbindung an das f zum Fremdkörper).

Sehr selten wird der Sekundschritt durch einen Septimsprung (Komplementärintervall) oder Nonensprung ersetzt; ein Beispiel dafür findet sich in der 1. Violinsonate von Othmar Steinbauer im 3. Takt des 1. Satzes).

Es gibt auch Fälle, zum Beispiel "Zusammenflüsse", wo ein Akkordton 2 Reminiszenztöne besitzt, wie etwa in derselben 1. Violinsonate von Othmar Steinbauer im 4. Takt des 1. Satzes oder im 8. Takt des 3. Satzes.

Weiters wird im Regelfall das gleichzeitige Erklingen von Akkordton und seinem Reminiszenzton vermieden, auch wenn diese Praxis nicht immer so streng gehandhabt wird, sofern es das kompositorische Resultat rechtfertigt.

Analog zum Reminiszenztonprinzip gibt es auch den äußerst sparsam einzusetzenden Reminiszenzton des Reminiszenztones sowie den Antizipationston (Antizipation = Vorausnahme jenes Klangreihentones, in welchen der Akkordton münden wird; beim obigen 17. Klangreihenakkord wäre demnach es der Reminiszenzton des Reminiszenztones e, gis der Reminiszenzton des Reminiszenztones g, fis der Antizipationston zu f, b der Antizipationston zu a etc.).

Beim Reminiszenzton des Reminiszenztones bezieht sich dessen direkte Sekundbindung nicht auf den Akkordton, sondern auf den Reminiszenzton (e = Reminiszenzton, es = Reminiszenzton des Reminiszenztones): es-e, e-es, e-es-e oder es-e-es.

Eine Modifizierung des Reminiszenztonprinzips ergibt sich durch Verwendung von unechten, losen und übertragenen Reminiszenztönen.

Besonders erwähnt sei die Reminiszenztonsituation bei der "Steinbauerschen Sekundkreuzung": Hier werden die Reminiszenztöne so gehandhabt, wie sie sich aus den obligaten Sekundschritten der Klangreihe ablesen lassen, und nicht im Sinne jener Sekundschritte, welche die "Steinbauersche Sekundkreuzung" verursachen.

Wie ein akkordfremder Ton (Reminiszenton, Reminiszenzton des Reminiszenztones, Antizipationston u.dgl.) im praktischen Satz aufzutreten vermag, läßt sich etwa
in verschiedenen Analysebeispielen nachvollziehen, einerlei, nach welchem Prinzip die Klangreihe aufgebaut ist, zum Beispiel:

aus dem Bereich von Klangreihen, welche mit Dreiklängen erstellt wurden:

 
Johann Sengstschmid: Klavierstück "Erinnerung an Windhaag", op. 47;


aus dem Bereich von Klangreihen, welche mit Hilfe von Dreitongruppen erstellt wurden:

 
Johann Sengstschmid: Anfangstakte des 12. Satzes der Rosette zu zwei Stimmen, op. 2;
Johann Sengstschmid: 2. Satz der Rosette zu drei Stimmen, op. 7;
Johann Sengstschmid: Anfangstakte des 7., des 8. und des 9. Satzes der Rosette zu drei Stimmen, op. 7;
Johann Sengstschmid: Meditation, op. 43;


aus dem Bereich von Klangreihen, welche durch freies Harmonisieren entstanden sind:

 
Wolfgang Amadeus Mozart: Beginn des "Dissonanzenquartetts", K.V. 465;
Othmar Steinbauer: Chor "Halt an, wo läufst du hin", Werk 8;
Othmar Steinbauer: Sonate für Violine und Klavier, Nr. 1, Werk 15;
Othmar Steinbauer: Tricinium "Die Ros' ist ohn' Warum", Werk 19;


aus dem Bereich von Klangreihen, welche nach Tropen erstellt wurden:

 
Johann Sengstschmid: Vortragsstück für Violine solo, op. 3 (siehe oben);


aus dem Bereich von Parallelen Klangreihen:

 
Johann Sengstschmid: "Ave regina caelorum", op. 19;
Johann Sengstschmid: Missa "Adoramus te, op. 21.





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Weiterführende Informationen in Wort und Ton: siehe Links

siehe auch:

Klangreihenmusik (Gesamtüberblick)
Beispiele zur Vielfalt des kompositorischen Einfalls

Othmar Steinbauer
Johann Sengstschmid

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