Mag. Johann Sengstschmid, Prof. i. R.
Buchmayrstraße 1/11
A-3100 St. Pölten
Tel.: +43 (0) 2742 / 38 14 13
E-Mail:
johann.sengstschmid@musiker.at
 





Wir fordern, daß die Schönheit
in ihre uralten Rechte wiedereingesetzt wird.


(Jörg Mauthe/ Günther Nenning,
aus dem "Schönheitsmanifest", 1984)




Die Bedeutung Josef Matthias Hauers
für die künftige Musikentwicklung




Worin liegt die überragende Bedeutung des Zwölftonmusikers Josef Matthias Hauer wirklich?

Unbestritten ist er ein bedeutender Komponist; unter seinen Werken ragen heraus: die "Apokalyptische Phantasie", op. 5, der "Prometheus von Goethe" für Bariton und Klavier, op. 11, die vielen Hölderlin-Lieder für Singstimme und Klavier, die Klavierstücke mit Überschriften nach Worten von Friedrich Hölderlin, op. 25, das Kammeroratorium "Wandlungen", op. 53, die Oper "Die schwarze Spinne", op. 62, u.v.a.m.; unter den vielen Zwölftonspielen sei vor allem jenes für Streichquartett vom 30.1.1957 genannt.


Weiters ist Hauer ein epochaler Musiktheoretiker. Um seine Bedeutung darzustellen, sei etwas ausgeholt:

Der Mensch empfindet zwei Töne im Abstand einer Oktav (etwa das tiefere und das höhere c) als "quasi-identisch".

Unterteilt man eine solche Oktav im Sinne der gleichschwebenden Temperatur in zwölf gleich große Tonabstände, was etwa an der Hämmerchenanordnung des Klaviers deutlich sichtbar wird, dann durchmessen zwei solche Tonschritte (Halbtonschritte) das Intervall der großen Sekund, drei Halbtonschritte jenes der kleinen Terz etc. Würde man die Oktav anders (etwa in 11 oder 13 gleich große Tonabstände) untergliedern, dann erhielte man lauter verstimmte Intervalle und Klänge. Die regelmäßige Zwölfteilung der Oktav erfolgte also nicht willkürlich, sondern vielmehr aus der Erfahrung heraus, daß in dieser chromatischen Anordnung des Tonmaterials das harmonische und melodische Geschehen am ohrenfreundlichsten rückverbunden erscheint.

Die traditionelle Musik beruht auf siebenstufigen Tonarten, das heißt, die Durtonarten, Molltonarten, Kirchentonarten leiten ihr Grundmaterial von den sieben tonleiterartig angeordneten Tönen her, welche wiederum eine Auswahl des zwölftönigen Tonmaterials darstellen.

Im Bereich siebentöniger Musik läßt sich gleichermaßen ein konsonantes sowie ein dissonantes Klangbild hervorbringen. Um die Disharmonie auszuschalten, entdeckte man jene Klanggesetze, die man in die Satzlehren des Kontrapunkts und der Harmonielehre goß. Indem die vielen traditionellen Meister diese Satztechniken studierten und anwendeten, konnten sie Werke schaffen, deren Klangbild wir alle lieben. Grundsätzlich hätte man durch bewußtes Verstoßen gegen jene Klanggesetze auch eine tonale disharmonische Musik produzieren können (Stichwort "Katzenmusik").

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts hat sich das musikalische Grundmaterial zu den zwölf Tönen hin entwickelt, doch die Anwendung der Kontrapunkt- und Harmonielehreregeln erwies sich als nicht mehr praktikabel.

Mit dem zwölftönigen Tonmaterial läßt sich sowohl disharmonische als auch harmonische Musik hervorbringen. Arnold Schönberg propagierte die "Emanzipation der Dissonanz" (genauer: der harten Dissonanz) und entwickelte für dieses gewünschte disharmonische Klangbild seine Zwölftontechnik; die Anwendung des daraus resultierenden Regelsystems führte zu jenem Musikstil ("Zwölftonmusik"), mit dem sich viele Musikhörer nur wenig anfreunden wollen.

Josef Matthias Hauer gelang - was man weithin nicht weiß - die Entdeckung jener Klanggesetze, wie man die zwölf Töne auch für Laienohren harmonisch handhaben kann. Aufgrund seines fernöstlichen Weltbildes lehnte er es jedoch nach und nach ab, damit zwölftönig zu komponieren. Wenn der Abschnitt Nr. 63 aus der Sammlung "Tao te king" des altchinesischen Denkers Lao-Tse etwa folgendermaßen beginnt (in der Übertragung von Victor von Strauss): "Das Tun sei Nicht-Tun, / Das Geschäft sei Nicht-Geschäft, / Der Genuß sei Nicht-Genuß, / Das Große sei Kleines, / Das Viele sei Weniges", dann ließe sich in Hauerscher Diktion mühelos fortsetzen: Das Komponieren sei Nicht-Komponieren. Hauer wird allmählich zum bloßen "Tonsetzer", war also bald nur im erweiterten Sinn ein "Komponist". Seine Zwölftonspiele sind bloße Niederschriften nach Spielregeln, die den Komponierakt ersetzen, also keine Kompositionen nach herkömmlichem Kunstverständnis. Auch das ist nicht jedermanns Sache. Dagegen läßt sich auf Hauers Bahnen eine eigenschöpferische Musikpädagogik aufbauen.

Die von Hauer entdeckten Klanggesetze griff Othmar Steinbauer auf und machte sie komponierfähig, indem er eine nun zwölftönige Satzlehre im Range von Kontrapunkt und Harmonielehre entwickelte ("Klangreihenlehre"), durch welche sich eine zwölftönige harmonische Musik mittels eines echten Kompositionsaktes zu Papier bringen läßt. Näheres wäre unter "Die 3 Wiener Zwölftonschulen (Gegenüberstellung)" sowie "Othmar Steinbauer: Josef Matthias Hauers Zwölftonspiel" nachzulesen. Steinbauers satztechnische Entwicklungen fanden in über 30 eigenen Kompositionen sowie im Schaffen seiner Schüler (Klangreihenmusik) ihren Niederschlag.

Es ist evident, daß darüber ein großes Wissensdefizit herrscht. Von der Existenz der Klangreihenmusik weiß man in der Öffentlichkeit kaum etwas, und was für Hauer getan wird, ist eher dazu geeignet, dessen wahre Bedeutung zu verdunkeln: Einerseits versuchen manche Kreise, Hauer ihrem eigenen Sektierertum vorzuspannen, und andererseits gibt es von Seiten einiger Anhänger der Frankfurter Adorno-Schule Versuche, sein "Nicht-Komponieren" als Überwindung bürgerlicher Musikideale zu propagieren.

Hauers überragende Bedeutung dagegen liegt in der Entdeckung der zwölftönigen Klanggesetze, deren Weiterverfolgung im Sinne der komponierten Klangreihenmusik (ohne esoterisches Zwölftonspieldenken) eine klanglich schöne zwölftönige Musik ermöglicht.





Johann Sengstschmid





Weiterführende Informationen in Wort und Ton:
 


Links

Linkregister (öfters gesuchte Links)

Die 3 Wiener Zwölftonschulen (Gegenüberstellung)
Die 3 Wiener Zwölftonschulen in je einem Hörbeispiel
Josef Matthias Hauer
Zwölftonspiel

Hinweise zu Hauers Zwölftonspiel für Streichquartett vom 30. Jänner 1957
Hörgelegenheit von Hauers Zwölftonspiel für Streichquartett vom 30. Jänner 1957
Hinweis auf die Klangreihenmusik
Klangreihenmusik (Gesamtüberblick)
Einführung in die Klangreihenmusik

Eigenschaften der Klangreihenmusik
Klangreihenmusik: Musik mit neuer "Antriebskraft"
Allgemeines zur Klangreihen-Kompositionstechnik
Besinnliche Klangreihenmusik für stille Stunden

Gedanken zu einer bürgerlichen Kulturpolitik
Othmar Steinbauers Leben und Werk in Wort und Ton
Johann Sengstschmids Leben und Werk in Wort und Ton
Wiedergabe von Noten (Verzeichnis)
Blätter aus dem Theorieskriptum (Verzeichnis)
Fachbegriffe (alphabetisches Stichwortverzeichnis)
www.klangreihenmusik.at
Gedanken über eine bürgerlich-konservative Vorprogrammierung im Säuglingsalter